Der böse Blick und andere magische Rituale

 

Der Glaube an den bösen Blick ( mallochio  böses = Auge) ist in Italien allgemein und auch in Apulien noch weit verbreitet. Es ist ein Volksglaube, der dem Blick eines Menschen negative Kräfte zuschreibt, weil er Unglück über die Person bringt, auf die sich der Blick richtet. Er kann aber einer geliebten Person auch als Schutz dienen.

Der böse Blick entsteht, so sagt man, vor allem durch Gefühle wie Neid, die negative Effekte auf den ganzen Körper ausüben, welcher dann schädliche Ausdünstungen entwickelt, die aus den Augen austreten.

 

Abwehr und Heilung des bösen Blicks

 

Zur Abwehr des bösen Blicks, so glauben viele Italiener, helfen:

 - Amulette, das Berühren eines Gegenstands aus Metall oder Holz sowie das Berühren der Genitalien ( habe ich nur bei Männern gesehen),

 - das Tragen eines Korallenhorns, eines Heiligenbildchens oder einer Kette mit Kreuz

 - die gehörnte Hand ( mano cornuta), eine vulgäre Geste, die verschiedene Bedeutungen hat und z.B. auch in der Metalszene benutzt wird.

 

Eine masciàre ist eine Heilerin, die in Apulien noch heute aufgesucht wird, wenn eine Person vom bösen Blick befallen ist. Zu ihren Behandlungsmethoden gehören Heilkräuter und magische Rituale, die auch bei Beziehungs- oder Entscheidungsproblemen helfen. Um den Bösen Blick zu heilen werden Tropfen von Olivenöl und Wasser werden in einen Teller gegeben, zwei Streichhölzer abgebrannt und in Form eines Kreuzes in die Flüssigkeit gelegt. Dieses Video aus Ischitella in der Nähe von Foggia zeigt wie es geht.

Togliere il malocchio a Ischitella (Fg)

 

Da das Video des Frensehsenders Rai einen leicht ironischen Unterton hat finde ich die Kommentare, die darunter gepostet wurden ganz interessant. Glaubt die jüngere Generation auch noch an den bösen Blick? Wärend sich einige darüber lustig machen, bitten andere um mehr Respekt. Hier meine Übersetzung der ersten beiden Kommentare aus dem Italienischen.

 

1. "Auch ein solcher Volksglaube sollte wie ein historisches Kulturerbe bewahrt und respektiert werden. Er ist Teil unserer Geschichte. Ich fand den subtil ironischen Ton des Videos geschmacklos. Die Kommentare zum Video sind noch schlimmer. Wer den Volksglauben nicht respektiert, sollte zumindest älteren Menschen Respekt zollen. So ist es zumindest hier im Norden üblich."

 

2. "Von Zeit zu Zeit sehe ich mir dieses Video an... nicht weil ich an die Wirksamkeit des Ritus glaube, sondern ich benutzte es als Zeitmaschine... und ich sehe meine Oma wieder, die schon lange nicht mehr da ist, in ihrem kleinen Dorf im Süden hatte sie den gleichen Porzellanteller mit den Ringen ... der Ritus war nicht der gleiche, aber das Kreuzzeichen machte man auf die gleiche hastige Art... und ich ließ sie machen, weil ihre Gesten und Gebete beruhigend und hypnotisierend waren... bevor sie starb, gab sie den Ritus an meine Mutter weiter, die jetzt leider Alzheimer hat, sodass diese Tradition in unserer Familie aussterben wird... obwohl ich mich gern daran erinnere, wollte ich es nie lernen, aber die alten Traditionen faszinieren mich.."

 

Glaube und Volksglaube sind in Italien nicht nur bei älteren Menschen tief verwurzelt. "Viel Glück!" zu wünschen bringt Unglück, glauben viel Italiener. Stattdessen sagt man: "In bocca al lupo!" (wörtlich übersetzt: im Maul des Wolfes) und antwortet: "Crepi!" (er soll platzen!). Beliebt ist auch " In culo alla ballena! (wörtlich: im Arsche des Wals). Man antwortet:

"Speriamo che non caghi/ scoreggi!" ( hoffen wir, dass er nicht furzt !)

Auch manche Symbole ( ein Kreis aus Ringen) auf den Dächern der Trulli dienen in Apulien zur Abwehr des bösen Blicks.

 

Verbreitung des bösen Blicks

 

Von allen Formen des Volksglaubens ist der böse Blick einer der verbreitetsten und ältesten. Er stammt wahrscheinlich aus prähistorischer Zeit. Es gibt bereits schriftlichen Überlieferungen von den Sumerern und Babyloniern. Auch die alten Griechen glaubten an den bösen Blick. Als wirksamer Schutz galten Abbilder des Emblems der Athena, auf dem ein abgeschnittenes Gorgonenhaupt zu sehen war. Der griechischen Sage nach lebten die Gorgonenschwestern, drei entsetzliche Ungeheuer, im äußersten Westen der Welt. Ein wütendes Gesicht, Schlangen im Haar und Schweinszähne waren Charkteristika der Gorgoninnen, deren Anblick so schrecklich war, dass jeder zu Stein erstarrte, der sie ansah. Nur eine der drei Gorgoninnen war sterblich: Medusa.

 

Andere magische Rituale

 

Magische Rituale, wie die Heilung des bösen Blicks ( apulisch: ´nfascinu), die uns als dunkler Aberglaube erscheinen, sind eigentlich nicht viel mehr als ein "weiser Trick", um Verstimmungen oder schlechte Laune aufzulösen. Das habe ich durch das Buch " Die Spur des Emirs" erfahren, in dem eine masciàre eine wichtige Rolle spielt.

 

Ein weiteres magisches Ritual, das bei Beziehungs- und Entscheidungsproblemen hilft, ist das Ritual der Heiligen Monika ( il rito della St. Monica). Es findet um Mitternacht an einer Weggabelung statt, weil es dabei helfen soll, den richtigen Weg zu finden. Im Grunde geht es darum, seiner eigenen innere Stimme mithilfe des Rituals und der Stille besser lauschen zu können. Santa Monica ist die Schutzheilige derjenigen, die ein Familienmitglied verloren haben. Oft wurde Santa Monica angerufen und um Nachricht von Vermissten im Krieg gebeten. In Taranto wird der Ritus der Heiligen Monika etwas anders ausgeführt: man setzt sich zu einer bestimmten Zeit ans Fenster, betet zu einer Heiligen und lauscht den Geräuschen draussen, wenn man wissen möchte, was die Zukunft bringt.

 

-> Artikel zum Ritus der Heiligen Monika (italienisch)

-> Artikel zu weiteren in Bari üblichen Ritualen, die die Zukunft vorhersagen (italienisch)

 

Das berühmteste magische Ritual Apuliens war wohl der ->Tarantismus, mit dem der Legende nach Besessenheit durch giftige Spinnenbisse geheilt werden sollten. Heute gibt es dieses Ritual nicht mehr, aber die Musik, mit der das Ritual begleitet wurde, lebt in ->Pizzica und Tarantella weiter. Die Tarantel stellte ein mystisch-rituelles Symbol dar, in dem ungelöste Konflikte, die im Unbewußten vergraben waren, aufschienen und gebändigt werden konnten. Vielleicht vergleichbar mit der Traumarbeit in der Psychoanalyse. Viele magische Rituale wurden und werden von der katholischen Kirche zwar nicht gern gesehen aber toleriert. Eigentlich ist auch jede Heiligenprozession ein magisches Ritual, bei dem es darum geht, sich mit einer anderen (magischen) Welt zu verbinden.

 

Ich selber habe am letzten Abend meines ersten Apulienurlaubs am Strand gesessen und ein bißchen verzweifelt gedacht: " Wenn ich weggehen soll aus Berlin, dann gib mir ein Zeichen." Die Bitte um ein Zeichen war an niemand spezielles gerichtet, aber in dem Moment kam tatsächlich eine sehr helle Sternschnuppe vom Himmel gesaust und seitdem hat Apulien für mich ganz sicher etwas Magisches.