Willkommen im Süden

 

"Wir können eine Welt akzeptieren, in der wir uns davor fürchten, einander näherzukommen. Oder wir können diese Pause dazu nutzen, um einen anderen Weg einzuschlagen in Richtung Wiedervereinigung, Ganzheitlichkeit, Wiederherstellung verlorener Verbindungen, Aufbau von Gemeinschaft und einer Rückkehr in das Netz des Lebens. "                                                                                           

 

  ( Charles Eisenstein "The coronation." März, 2020)

 

Wie wollen wir leben? Wie wollen wir reisen? Wenn wir feststellen, dass wir neue Wege gehen wollen und andere Lebensweisen kennenlernen möchten, ist das Reisen wie ein Aufbruch im Kleinen.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass die Konfrontation mit dem Fremden, hilft, den Mut und die Inspiration für Veränderung finden. Häufig fehlt uns dazu auch die Imagination: wie könnte ein anderes Leben überhaupt aussehen? Wichtigste Voraussetzung für eine Reise, an der wir wachsen können sind Orte und Menschen, die folgendes ermöglichen:

 

- die Wiederverbindung von Geist und Körper

- die Wiederverbindung von Mensch zu Mensch

- die Wiederverbindung von Mensch und Natur

 

Dafür müssen wir möglichst weg vom Massentourismus, hin zu Orten, die uns zum staunen bringen, uns langsam werden lassen und uns das Vertrauen in unsere Sinne wiedergeben. Hin zu Menschen und Gastgebern, die vielleicht schon ihre eigene Utopie verwirklicht haben, in jedem Fall aber Menschen, die ihre Türen öffnen, damit wir uns willkommen fühlen. Von da aus können wir los und auf Entdeckungsreisen gehen. Einige dieser Orte und Menschen stelle ich hier vor: Willkommen im Süden.

 

Danke an Max, Ziuccio, Marta, Giuseppe und Gianluca für die Inspiration!

 

Adelfia: B&B Mons Roni

Wenn ich in der Nähe von Bari bin, ist Adelfia mein Lieblingsort. Die kleinen Gemeinden Montrone und Canneto wurden 1927 vereint. "Adelfia" stammt aus dem griechischen und heißt Brüderlichkeit. Es ist einer dieser Orte im Hinterland, wo Touristen noch selten sind. Das historische Zentrum besteht aus einem Labyrinth enger Gassen und Nachbarschaftshöfen, wo Menschen bis spät Abends vor ihren Häusern sitzen, sich unterhalten oder Karten spielen. Was wir in diesen alten Städten noch entdecken können ist eine Architektur, die auf eine Lebensgemeinschaft hin angelegt ist, nicht auf schnellst möglichen Verkehr. Sie vermitteln ein seltenes Gefühl von Dauer, Bescheidenheit und simpler Schönheit. Sie machen langsam und Langsamkeit ermöglicht Begegnung.

 

Max war mir in Adelfia nicht nur Gastgeber und Tourguide er hat mir nicht nur die schönsten Strände gezeigt, sindern auch einigen seiner Nachbarn vorgestellt. So kam ich auch mit seinem Ziuccio Pontrelli ins Gespräch, der mir seine Lebensgeschichte erzählte, die eng mit dem Fest von San Trifone verknüpft ist. Noch heute drei Jahre später schickt er mir Ziuccio Bilder aus Adelfia, von San Trifone und versichert mir, wie sehr er sich über einen Besuch von mir freuen würde.

 

- > Ziuccio erzählt vom Fest von San Trifone

 

 

-> B&B Adelfia Mons Roni  im historischen Zentrum von Montrone - Adelfia in der Provinz Bari: zwischen Stein und Tuffstein, zwischen Antike und Moderne warten wir darauf, Ihnen einen besonderen Urlaub an einem einzigartigen Ort außerhalb jedes touristischen Kontextes zu bieten.

Felline: Dei Agre und Vite Colta

Marta hat ihr Unternehmen Dei Agre dem moralischen und landwirtschaftlichen Erbe ihrer Großeltern gewidmet. Sie produziert Wein ( Negroamaro, Primitivo) und biologisches Olivenöl. Sie gründete Dei Agre im Jahr 2001 und leitet es mit Geduld, Liebe und bizarren Experimenten, um die organische Zusammensetzung des Bodens zu verbessern. Negroamaro und Primitivo werden im gesamten Salento produziert. Marta und ihr Team werden in allen Phasen von hervorragenden Mitarbeitern und von drei unschätzbaren Partnern unterstützt: den Wildpflanzen, die die Oberfläche bedecken, den kleinen Wildtieren, die graben, und den Mikroorganismen, die alles synthetisieren. Zusammen schützen und erhalten den apulischen Alberello-Anbau. Ihr Ziel ist es, die Widerstandskräfte der Pflanze zu verbessern, indem sie den Boden und die biologische Vielfalt der Umgebung regenerieren.

 

 

Der Salento und ganz Apulien mit seinen ca. 60 Millionen Olivenbäumen gelten als die Ölmühle Italiens, zumindest bis zur Einschleppung des Bakteriums Xylella, das die Ogliarola-Olivenhaine des Salento hektarweise dezimierte. Etwa die Hälfte der Bäume steht noch auf den Feldern von Marta. Daran reifen kleine, duftende Oliven, die das kostbare Gewürz zu erhalten, das in der Küche Apuliens niemals fehlen darf. Simente ist der Name, den Marta ihrem Öl gegeben haben; im Dialekt bedeutet er "Samen".

 

 

Vite Colta ist eine Mischung aus Osteria und Weinstube auf der Piazza Castello gegenüber dem Castello Baronale di Felline. Die Osteria ist ein zwanglose Ort für einen Drink, eine Kostprobe, ein Gespräch, umgeben von der friedlichen Atmosphäre der Piazza Castello, die oft Schauplatz von Musik- und Theateraufführungen ist, die von Marta gefördert werden. Alle Lebensmittel, ob pflanzlich oder tierisch stammen, wenn nicht aus eigener Produktion, von biologisch bewirtschaften Bauernhöfen des Salento. Neben den eigenen Weinen sind auch natürliche Weine benachbarter Winzer im Angebot. Aufrichtigkeit, Respekt für die Gesundheit von Mensch und Umwelt sind oberstes Gebot.

 

-> Dei Agre / Vite colta

Felline

 

Weil es von mit seinen 1600 Einwohnern nicht mal einen Wikipediaeintrag gibt hier eine kleine Kurzbeschreibung: Felline war, bereits in messapischer Zeit bewohnt. Nach den Griechen, kamen die Römer, dann die Sarazenen bis der Ort von venezianischen Invasioren im 15. Jahrhundert teilweise zerstört wurde. Überlebende Siedler zogen in einen anderen Teil des Gebiets und nannten sich "Allisti", weil sie unter dem Schutz eines Cherubs standen. Im historischen Ortskern von Felline gibt es Palästen mit Innenhöfen und Balkonen aus der Renaissancezeit darunter den Palazzo De Rinaldis und den Palazzo Trianni. Das älteste Gebäude ist das Schloss aus dem 12. Jahrhundert, ein rechteckiger Bau errichtet von der Adelsfamilie Bonsecolo, den Feudalherren von Felline.

Die Abtei der Madonna dell'Alto ( 9.-10. Jahrhundert) wurde in byzantinischer Zeit erbaut, mit Krypten, in denen auch Menschen wohnen konnten. Der Legende nach wurde sie von einem Seemann errichtet, der dem Tod entkam. Die besonders abgelegene und wilde Lage wurde bald von Basilianermönchen bemerkt, die sich hier niederließen, um als Einsiedler zu leben, bevor sie die Freiheit der Religionsausübung erhielten.

Ein wichtiges Zeugnis des antiken heidnischen Glaubens ist das Nymphäum, eine den Nymphen und dem Gott Pan geweihte Höhle griechisch-römischen Ursprungs in der Nähe der Masseria del Ninfeo.

 

Agriturismo Piccapane

Die Vision einer multifunktionale landwirtschaftlichen Gemeinschaft

 

Giuseppe ist Landwirt geworden, weil ihm die Lebensqualität wichtiger ist als das Bankkonto. Er hat verlassenen Olivenhainen ihre Würde zurückgegeben und alte Getreide- und Gemüsesorten wiederbelebt.

Die Idee von Piccapane war, eine kleine, multifunktionale landwirtschaftliche Gemeinschaft zu schaffen, ähnlich wie in der Vergangenheit, als viele kleine Aktivitäten auf dem Bauernhof integriert waren.  Zum Unternehmen gehören etwa 2500 30 Jahre alte Leccino-Olivenbäume, 1 Hektar jahrhundertealte Olivenbäume der Sorten Cellina und Ogliarola, 1 Hektar Gemüsegarten und 3 Hektar Getreideanbau. Seine Vision einer nachhaltigen Landwirtschaft sieht den ökologischen Landbau und kurze Lieferketten als grundlegende Instrumente für den Verkauf gesunder und natürlicher Produkte zu einem fairen Preis. Die kurze Lieferkette ermöglicht es, eine direkte Beziehung zu den Nutzern aufzubauen.

 

 

Agriturismo zu Urlaubs- und Bildungszwecken

 

Die Integration des ländlichen Raums in den touristischen Kreislauf zu Urlaubs- oder Bildungszwecken ist eine grundlegende Leitlinien von Piccapane. Durch die Renovierung der alten Masseria nebenan und das Angebot Übernachtung mit Frühstück wurde der Betrieb wurde 2012 von der Landwirtschaft auf Agrotourismus ausgerichtet, (10 Betten und ein Restaurant mit 40 Plätzen, ausschließlich Gemüse ausschließlich pflanzliche Küche). Die Doppelzimmer haben alle ein eigenes Bad. Die Gäste haben die Möglichkeit, eine externe Küche zu benutzen. Sie können lernen wie Permakultur funktioniert, wie man Brot backt oder Pasta macht.

Über das Netzwerk WWOOF (www.wwoof.it) empfängt Piccapane Freiwillige aus der ganzen Welt, die an ökologischer Landwirtschaft und am Austausch von Wissen und Erfahrungen interessiert sind.

Seit 2012 werden Schulkindern kreative Aktivitäten angeboten, um den Kontakt zum Land wiederherzustellen und das Umweltbewusstsein zu fördern.

Seit 2018 hat Giuseppe das Projekt C.S.A. (community that supports agriculture) mit einer Gruppe von Familien gestarte, die sich verpflichten, mindestens ein Jahr lang wöchentlich eine Gemüsekiste zu beziehen, so dass der Erzeuger die Aussaat und den Anbau von Gemüse planen kann ohne zuviel zu investieren und ohne Produktverlust.

 

Restaurant / Biosteria

 

Piccapane möchte die Menschen über Ernährung aufklären und zur mediterrane Küche der Großeltern zurückkehren, die nicht wie die heutige von Fleisch, Fisch und Milchprodukten wie aus intensiver industrieller Landwirtschaft dominiert wird, in denen Antibiotika und GVO-Futtermittel im Übermaß eingesetzt werden. So entstand das Bio-Restaurant, in dem Piccapane alles kocht, was im Garten produziert wird. Das Biorestaurant bietet vollständige und ausgewogene Mahlzeiten an, wobei die Gäste nicht nur den Geschmack entdecken, sondern auch die Gründe für die Auswahl der Gerichte auf der Speisekarte erfahren. Alle Rezepte sind frei von Zutaten tierischen Ursprungs. Es wird weder Fleisch noch Fisch serviert.

 

Das Modell der synergetischen Landwirtschaft

 

Seine Erfahrungen mit der Landwirschaft beschreibt Giuseppe so: "Das Modell der synergetischen Landwirtschaft lehrte uns zu beobachten, bevor wir handeln. Als Olivenbauern begannen wir mit der Suche nach natürlichen Anbaumethoden als Alternative zum vorherrschenden Landwirtschaftsmodell, das der Profitlogik der großen Agrochemiekonzerne unterworfen und auf die Förderung der Monokultur ausgerichtet ist. Wir haben daher nach alternativen Quellen und innovativen Ansätzen gesucht. Die Kenntnis der verschiedenen Theorien und Techniken der natürlichen Landwirtschaft ist wenig nützlich, wenn sie nicht durch Fähigkeiten unterstützt wird, die wirklich in der Praxis entwickelt wurden und sich auf das Gebiet beziehen, in dem man sich befindet. Wir kamen daher zu dem klugen Schluss, dass wir, nachdem wir all die verschiedenen Stimmen gehört und die verschiedenen Informationen verarbeitet hatten, unsere eigenen Entscheidungen treffen würden, wobei wir uns bewusst waren, dass wir allein für die Folgen unserer Entscheidungen verantwortlich waren."

 

Produkte

 

Olivenöl:  Natives Olivenöl extra vergine der Sorte von Leccino. Es wird zu Beginn der Reifezeit vom Baum gepflückt und innerhalb von 24 Stunden nach der Ernte gepresst. Das Ergebnis ist ein sehr duftendes Öl mit feinem Geschmack, einem Säuregehalt von etwa 0,2-0,3 % und reich an Polyphenolen, den Antioxidantien, die nicht nur seine Haltbarkeit garantieren, sondern auch unseren Körper jung halten. Es sollte innerhalb eines Jahres nach der Ernte verzehrt werden. Neben Olivenbäumen werden auf 3 Hektar Weizen der Sorten Senatore Cappelli und Pharao angebaut und verarbeitet, im jährlichen Wechsel mit Hülsenfrüchten.

Pasta: Nicht pasteurisierte, langsam getrocknete, handgemachte Pasta, traditionelle Friselle und Friselline mit Olivenöl extra vergine, beide ausschließlich mit Sauerteig gebacken.

 

Sott'oli und Pastete: gebratene Paprika, getrocknete Tomaten, gegrillte Auberginen und Zucchini, sonnengetrocknete Tomaten sowie eine köstliche Paste aus Oliven und sonnengetrockneten Tomaten.

 

Olive in salamoia: Leccine-Oliven, ¨cured¨ nach dem traditionellen Rezept: 12 Monate in Wasser und Salz ohne Zusatz von Säuerungsmitteln.

 

-> Piccapane.it

 

PICCAPANE, ein Experiment für Sozialität, ökologische Nachhaltigkeit und einen Lebensstil, der sich radikal von der Konsumgesellschaft unterscheidet. Salento, Süditalien. Ein Dokumentarfilm von Gianluca Ricciato und Gianni Donvito.

 

 

 

 

 

-> Riconnessioni (Wiederverbindungen) - ein Artikel von Gianluca Ricciato auf seinem Blog Fiabe Atroci.

 

 

 

Charles Eisenstein ist ein US-amerikanischer Kulturphilosoph und Autor.  Er gilt als wichtiger Theoretiker der Occupy-Bewegung.

 

-> Charles Eisenstein "The coronation." März, 2020.

 

Seltsam wie sich die Kreise manchmal schließen... Den Hinweis auf den Essay von Charles Eisenstein habe ich aus dem Buch " Chronik einer angekündigten Krise " von Paul Schreyer. Auf der homepage von Eisenstein habe ich nun auch eine Artikel über Xyllela fastidiosa entdeckt.

 

- > Xylella: Superbösewicht oder Symptom ( 2019 )

 

 

Mehr zum Thema mediterranes Leben auf diesem Blog:

 

-> Apulien mit allen Sinnen

 

-> Südliche Gedanken von Franco Cassano.

 

-> Albert Camus über die Schönheit des Mittelmeers. Er behauptet hier kann der Mensch am leichtesten Ja zum Leben sagen.