Die Höhlenkirchen von Massafra und Mottola

Seit ich Werner Herzogs Film "Die Höhle der vergessenen Träume" über die Bilder in der südfranzösischen Chauvet- Höhlen gesehen habe, bin ich fasziniert von Höhlenmalereien und deshalb wollte ich unbedingt die Felsenkirchen Apuliens in Matera, Massafra oder Mottola sehen...

 


 

Vor tausenden von Jahren begannen Menschen pöltzlich zu malen. Heute geht man davon aus, dass sie zunächst ihre Träume malten und dass die Malereien im Rahmen von Kulthandlungen und Initiationsriten von Bedeutung waren. Als Picasso die Malereien der Chauvet Höhle sah, soll er gesagt haben: "Wir haben nichts dazu gelernt."

 

Als ich im Mai das letzte Mal in Apulien war, wollte ich unbedingt eine der Höhlenkirchen in der Gegend um Matera, Mottola  oder Massafra besichtigen. Die Ikonen in den Felskirchen entstanden in der Zeit des byzantinischen Ikonoklasmus. Unter Ikonoklasmus (das mußte ich auch erst nochmal nachlesen) versteht man die Zerstörung heiliger Bilder oder Denkmäler der eigenen Religion, insbesondere im Christentum. Beim Byzantnischen Bilderstreit zwischen der orthodox-katholischen Kirche und dem byzantinischen Kaiserhaus während des 8. und 9. Jahrhunderts ging es grob gesagt um den richtigen Gebrauch und die Verehrung von Ikonen. Den Streit gewannen schließlich die Ikonodulen (Ikonenverehrer), aber zuvor flüchteten viele Mönche in die Höhlen in der Gegend von Massafra.

 

Massafra und Mottola sind nur ca 15-20 km  von meinem Quartier in Taranto entfernt. Mein Gastgeber antwortet auf meine Frage: "Massafra oder Mottola?" mit "Massafra" und ich soll  mir auch unbedingt die Kirche "Madonna della Scala" ansehen, meint er.

Um es vorweg zunehmen, es hat leider nicht geklappt.  Im Mai 2017 war die Kirche Madonna della Scala nicht zu besichtigen, weil Teile des Dachs eingestürzt waren und die Felsenkirchen darf man nur mit Führung besichtigen, wofür es leider schon zu spät war, als ich am späten vormittag in Massafra ankam. Aber auch ohne den Besuch der Felsenkirchen ist ein Bummel durch die weißgetünchten Gassen der Altstadt Massafras lohnenswert und auf eigene Art malerisch.

 

Massafra und Madonna della Scala

 

Massafra, auch bekannt als Theben Italiens, liegt auf einem Felsen zwischen zwei Schluchten: der Schlucht von San Marco und der Schlucht der Madonna della Scala. Die Schlucht von Madonna della Scala ist vier Kilometer lang, ca. 40 m tief und 30 bis 50 m breit. Sie birgt zahlreiche ehemalige Wohnhöhlen, etwa 30 Felsenkirchen und mehr als 600 verschiedene Pflanzenarten, darunter viele Heilpflanze. Massafra wird auch das Land der Magier genannt. Es heißt, ein Zauberer namens Gregurio und seine Tochter Margharitella wohnten in der Felssiedlung von Madonna della Scala.

 

Archäologische Funde zeigen, dass die Höhlen Massafras bereits im Paläolithikum genutzt wurden. Vom 8. bis 16. Jahrhundert entwickelte sich hier wiederum Leben in Höhlen als Folge der Ikonoklastischen Verfolgung von Byzanz, der Zerstörung von Bildern und dem Verbot der Ikonenmalerei. Viele Mönche, die in den Gravinen von Massafra Zuflucht suchten, kamen vom Balkan und aus Kleinasien. Im Spätmittelalter dienten die Höhlen dann als Zuflucht vor Piraten und Invasoren.

 

Beim Spaziergang durch die Altstadt fällt mir auf, dass auch diese Streetart-Bilder aus Massafra von Flucht und Vertreibung erzählen.

 

 

 

Im Gebiet um Massafra findet man bis heute zahlreiche Spuren von Kunst- und Kultgegenständen sowie eine Vielfalt architektonischer Stile, ähnlich wie in Kapadozien, Serbien und anderen Gebieten des mittleren Orients. Eine von vielen Vermutungen über die Herkunft des Namens Massafra lautet: Massa-afrorum, Wohnung der Afrikaner.

 

Zu den bekanntesten der ca. 30 Felskirchen, auch byzantinische Krypten genannt, gehören außer der Bona Nova die Krypta der Candelora aus dem 12. Jahrhundert, die Krypta von San Antonio Abate unter dem alten Krankenhaus, entstanden aus der Zusammenlegung des Ostritus mit dem lateinischen Ritus. Sie gilt aufgrund der zahlreichen Malereien als Pinakothek des Hochmittelalters. Auch in der Krypta von San Leonardo befinden sich gut erhaltene Fresken, darunter die der Deesis (Fürbitte) in der Apsis und eine erhaltene Ikonostase, eine mit Ikonen geschmückte Wand mit drei Türen. Ebenfalls sehenswert: die Krypta von San Marco.

 

Die Wallfahrtskirche Madonna della Scala ist keine Felskirche. Sie ist über 125 Stufen erreichbar und wurde von 1729 bis 1737 auf einer alten Kapelle in der Nähe der Ortschaft Madonna della Scala gebaut, in der sich noch ca. 200 Behausungen aus der Jungsteinzeit befinden. Vom Kirchplatz aus ist die Felskirche Bona Nova zu bewundern, die reich an Felsmalereien ist. Zu den bekanntesten Motiven gehören die Jungfrau der Bona Nova und die des Christus Pantocrator. Mit Christus Pantokrator, Christus als Weltenherrscher,  ist ein Typus der Ikonographie gemeint, der kennzeichnend für die byzantinischen Kunst ist und meist in griechisch-orthodoxen und russisch-orthodoxen Kirchen zu finden ist.

Im Dorf Madonna della Scala befindet sich außerdem die sogenannte Grotte des Zyklopen und die Apotheke des Magiers Gregorio mit einem Komplex von 12 Grotten und 100 Nischen.

 

Genauere Auskünfte über Führungen erhält man im Tourismusbüro auf der Piazza Garibaldi.  http://www.massafraturismo.it/

 

Bilder und einen Italienischen Artikel über das Santuario und das Dorf Madonna della Scala findet ihr hier auf dem Blog Imaginette Mariane.

 

 

Sehenswert in Massafra

Normannisches Kastell
Normannisches Kastell
Chiesa dei Santi Medici
Chiesa dei Santi Medici

Außer den Felsenkirchen bietet Massafra folgende Sehenswürdigkeiten :

 

- das normannische Schloss aus dem 10. Jahrhundert

- die Kuppel des Doms der Stiftskirche aus dem 15. Jahrhundert

- die Wallfahrtskirche Gesu Bambino, in der ein wächsernes Bild des Jesuskindes verehrt wird

- die Kirche und das Kloster San Benedetto im Rokkokostil

- der Konzertsaal San Augostino mit seiner Barockfassade

- die sogenannten Vicinanze (erste Häuser der Altstadt, die in den Tuffstein hineingebaut wurden)

 

 

Mottola

 Auch vom benachbarten Mottola aus lassen sich zahlreiche Felsenkirchen besichtigen. Eine der bekanntesten ist die von San Nicola, die aufgrund ihrer Malerei des Giudizio Universale als sixtinische Kapelle der prähistorischen Zeit bezeichnet wird. Es ist eine dreischiffige Kirche, deren Wände mit Fresken aus dem 11. bis 14. Jahrhundert dekoriert sind. An der hinteren Wand in der Apsis befindet sich die Szene des Cristo Pantacratore in Deesis. Die Tour dauert zweieinhalb Stunden und startet an der Krypta von Sant` Angelo vorbei an San Nicola und der Kirche San Gregorio.

 

Eines der atmosphärischsten Videos, das ich finden konnte, zeigt die Höhlenkirche Sant´Angelo.

 

 

 

Meine spontane Idee, es an diesem Tag in Mottola zu versuchen, war leider auch nicht von Erfolg gekrönt. Im Touristenbüro erklärte man mir, eigentlich dürfe ich die südlich von Mottola gelegene Schlucht nicht alleine betreten. Das Gelände sei abgesperrt. Die nette Signora erklärt mir augenzwinkernd trotzdem den Weg, aber ich habe den Eingang zur Schlucht leider nicht gefunden.

 

Tipp: Besser rechtzeitig zu einer Führung anmelden oder für Erkundungen auf eigene Faust eine richtig gute Karte der Umgebung besorgen.


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