C.G. Jung: Die Nachtmeerfahrt der Seele

 

Von 1914 – 1918 machte C.G. Jung eine schwere Lebenskrise durch, die er auch Nachtmeerfahrt nannte. Während dieser Krise entwickelte er die Methoden der Tiefenpsychologie und wandte sie auf sich selbst an. Dazu gehören: Schreiben, Malen, Yoga, Traumarbeit und aktive Imagination, die Suche nach inneren Bildern, sowie innere Dialoge und eine Auseinandersetzung mit mystischen Inhalten des kollektiven Unbewussten. Jung promovierte „Zur Psychologie und Pathologie sogenannter okkulter Phänomene“ und was er in seinem Tagebuch über seine Entwicklung während der Nachtmeerfahrt schreibt, erinnert ein bißchen an Exorzismus.

 

Die Tiefenpsychologie ist in den letzte Jahren weitgehend verdrängt worden von Entspannungsmethoden wie Meditation und Yoga, in denen es darum, geht den Geist zu entleeren, sich auf den Atem zu konzentrieren und den eigenen Körper zu spüren. Es sind vor allem Methoden zur Reduktion von Stress und zum Erlernen von Empathie. Das ewige Grübeln und Wiederkäuen der Vergangenheit, das Abtauchen in die bisweilen tiefe Finsternis der Seele ist in Verruf geraten. Zeit für eine Wiederbelebung. Zur Einstimmung einige Zitate von Jung und der Kurzfilm "Fire (Pozar)" von David Lynch als Überleitung von meinem letzten Artikel -> Gegenfeuer:

 

Es ist wichtig, daß wir ein Geheimnis haben und die Ahnung von etwas nicht Wißbarem. Es erfüllt das Leben mit etwas Unpersönlichem, einem Numinosum.

 

Alle natürlichen Dinge haben aber zwei Seiten, und wenn wir etwas bewußt machen müssen, so dürfen wir nicht nur das Licht, sondern müssen auch den Schatten sehen.

 

Auch das glücklichste Leben ist nicht ohne ein gewisses Maß an Dunkelheit denkbar, und das Wort Glück würde seine Bedeutung verlieren, hätte es nicht seinen Widerpart in der Traurigkeit.

 

 

"I love seeing people come out of the darkness." ( David Lynch)

 

Bilder des Unbewussten

 

Seit Adam sich im Spiegel sah, wurde er wissend, indem er seine andere Seite erblickte, seinen Doppegänger oder Schatten. Fortan konnte er nicht mehr in paradiesicher Unschuld und Unwissenheit leben. Er spürte jetzt den verlockenden aber auch beängstigenden Drang, sich selbst zu durchschauen. Das war die Geburtsstunde des Weges zu sich selbst, der inneren Heldenreise und des tragischen Wechselspiels zwischen der lichten und dunklen Seite des Menschen ( das wir auf geniale Weise zum Ausdruck gebracht in jedem David Lynch Film finden).

 

Die Tiefenpsychologie ist eine von vielen Methoden der Bewusstseinserweiterung und Selbstfindung. Die zentrale Idee der Tiefenpsychologie ist, dass die Verdrängung beim Verständnis des menschlichen Wesens und Verhaltens die entscheidende Rolle spielt. Ins Unbewusste verdrängte Wünsche, Gedanken , Erinnerungen, die uns unerträglich scheinen, wieder bewusst zu machen, ist daher die Hauptaufgabe der Tiefenpschologie.

 

Die konkreten Methoden sind: (spontanes) Malen, Modellieren, Dichten, Tanzen, aktives Imaginieren. Im Mittelpunkt steht eine Rückkehr zu Bildern, in denen Emotionen, Bewegungen, Erschütterungen der Seele in Farbe und Form Ausdruck finden. Bilder verlebendigen, was der begrifflichen Sprache nicht zugänglich ist. Die einseitige Betonung von Logik und begrifflich abstrakten Formulierung hat den Mensch von seiner Einbildungskraft und seinen Gefühlen entfernt. Bilder des Unbewussten sind sichtbare Darstellung eines Traums, einer Wachvision oder einer Erinnerung, die nicht in Worte zu fassen sind. Sie erlauben einen Einblick in die Seele oder Psyche, wo das Unaussprechbare, nur dunkel Geahnte, Unfassbare, gewaltig Drängende zuhause ist, das sich früher in Mythen, Märchen, Kulten und Ritualen ausdrückte.

 

Das Unbewusste und Ungeformte hat umso mehr Gewalt je tiefer die Schicht ist, aus der es stammt. Durch einen Darstellungsvorgang wie das Malen kann es ans Licht gezogen und ihm ein Körper verliehen werden. Erst diese Vergegenständlichung ermöglicht Wandlung und Veränderung, weil man sich so ein Gegenüber schafft, das man ansprechen und mit dem man sich auseinandersetzen kann. Eine spontane Reaktion auf ein unbewusstes Bild kann bereits zu seelischer Entspannung führen und zu einer Quelle der Kreativität werden, ohne dass man es deutet oder interpretiert.

 

Beispiel : eine Frau mit Spinnenphobie verlor ihre Angst, indem sie die Spinne malte und zwei Augen, Nase und einen Mund zeichnete, ihr also ein Gesicht gab zu dem sie sich in Kontakt setzten konnte. Ein solches Bild hat sowohl Ausdrucks – als auch Eindruckscharakter. Man kann es betrachten, untersuchen, in einen Dialog dazu treten. ( siehe Warburg)

 

Allein durch das Ergriffensein beim Malen, Lesen von Märchen mit seinen inneren Bildern oder Filmen kann ein belebender, heilender, lösender Effekt eintreten. Je tiefer die Schicht aus der die Bilder kommen, desto archaischer, kollektiver und symbolträchtiger sind sie. Je näher am Bewusstsein desto individueller die Bilder.

 

Methoden der Tiefenpsychologie

 

Die Nachtmeerfahrt war eine Suche nach inneren Bildern und Auseinandersetzung mit mystischen und mythischen Inhalten des kollektiven Unbewußsten, den sogenannten Archetypen. Schreiben war eine weitere zentrale Methode der Nachtmeerfahrt. Jung schrieb seine Phantasien und Träume in einem Tagebuch auf. Den Gestalten und Archetypen in seinen Träumen gab er eine imaginäre Stimme und führte mit ihnen Phantasiegespräche, die an der sokratischen Methode des inneren Dialogs orientiert waren. Seinem inneren Dämonen gab er wechselnde Namen wie Philemon, Elias, Ka oder Salome. Langsam spürte er einen wachsenden Drang zur Gestaltung, genauer den Drang auszudrücken, was ein innerer Dämon hätte sagen wollen. „Dann fing es an aus mir herauszufließen und in drei Abenden war die Sache geschrieben. Kaum hatte ich die Feder abgesetzt, fiel die ganze Geisterschar zusammen. Der Spuk war beendet. Das Zimmer war ruhig und die Atmosphäre rein.“

 

Das war die Entstehung des Buches der sieben Reden an die Toten ( septem sermones ad mortuos ), ein Versuch die Inhalte des Unbewussten zu deuten. Bewusste Inhalte müssen von unbewussten unterschieden werden, was am besten gelingt, wenn man sie personifiziert und dann bewusst anspricht. So kann man ihnen die Macht entziehen, die sie auf das Bewusstsein ausüben.

 

Das Wort "Archetyp" stammt aus griechisch archē, „Ursprung“ . Die Hauptquelle der Archetypen liegt für Jung in den nächtlichen Träumen ( die sich spontan, unabsichtlich und ohne bewußten Willen ereignen), aber auch in der aktiven Imgagination. Dabei werden Phantasien durch absichtliche Konzentration ins Dasein gebracht. Weitere Quelle der Archetypen sind Wahnideen Geisteskranker, Phantasien in Trancezuständen, künstlerische Werke, Märchen und Mythen. Als wesentlicher Kern der Lebensenergie und der Lebensprobleme lassen sich Archetypen erst beschreiben, wenn man sie nacherlebt hat. Archetypische Täume sind Bilder der Lebensenergie.

 

Neben dem Archetyp des Dämon, gibt es beispielsweise den Archetyp  des Helden. Er wird im Mythos verkörpert durch den sumerischen Gilgamesch, den ägyptischen Re (in seiner „Inkarnation“ im Pharao), den germanischen Donar/Thor, den griechischen Perseus und Herakles. Im Christentum wird der Archetyp des Helden besonders durch die Drachentöter Sankt Michael und St. Georg ( San Trifone ) verkörpert. Heldengestalten im Märchen treten häufig auch in Form weiblicher Archetypen auf. Ein archetypisches Symbol des Bewusstseins ist die „Sonne“ und die verschiedenen Sonnenheldenmythen. Archetypen des Selbsts sind z.B. das „göttliche Kind“, der oder die „alte Weise“ ( Die Wolfsfrau).

 

Zu den zahlreichen Methoden , die C. G. Jung er entwickelte gehörte das Spielen, Yoga, Schreiben und Malen. Beim Spielen sammelte er beispielsweise Steine am Ufer eines Sees und baute damit Häuser, Kirchen oder ganze Dörfer. Yoga Übungen halfen dabei Emotionen in Bilder zu übersetzen und je mehr ihm dass gelang, desto mehr trat eine innere Beruhigung ein.

 

Jung malte seine Träume und knüpfte an die stoiische Traumdeutung an. „Da ich das Traumbild nicht verstand, malte ich es, um es mir besser zu veranschaulischen.“ Er  malte auch Mandalas, wie sie von Mystikern bei der Meditation benutzt wurden. Für Jung waren Mandalas der Ausdruck für alle Wege, der Weg zur Mitte und zur Individuation.Individuation ist ein Entwicklungsprozess, bei dem ein Mensch nicht ausgelebte Aspekte seiner Persönlichkeit ins Selbst integriert und dadurch ganz wird, also heilt.

 

Zur Erweiterung des Bewußtseins übersetzte er die archetypischen Bilder wieder in mythisches Erzählen. Er ging davon aus, dass Gestalten und Figuren des kollektiven Unbewussten einer mythologischen Basis von Kollektivität entstammen ( eine Art Menschheitsgedächtnis). Diese Gestalten können, wenn sie bedrohlich sind, gebannt werden, wenn man ihnen ihre mythische Form zurückgibt.

 

Auswahl an Aufgaben aus dem Buch Beklage dich nich Philosophiere:

 

1. Beginnen Sie ein imaginäres Tagebuch mit einem spontanem ersten Satz!

2. Malen Sie den Traum, den Sie letzte Nacht geträumt haben!

3. SchreibenSie einen Brief an ihren innere anima/ ihren animus!

4. Entwerfen Sie eine Weltkarte und verzeichnen Sie darauf alle (philophischen) Orte, die sie gerne besuchen möchten und den Sinn dieser Reisestationen!

5. Legen sie eine Liste ihrer archetypischen Träume als Bilder der Lebensenergie an. Interpretieren sie sie erst in ihrer biografischen Bedeutung. In einem zweiten Schritt suchen Sie nach Informationen zur Sinngeschichte dieser zentralen Archetypen. Im archetypischen Bild wird der biografische Aspekt sichtbar und kommt an seine Grenze. Die Existenz des kollektiven Unbewussten kann so als Zentrum der Lebensenergie anerkannt werden. ( Ich habe das im Artikel - > Mare mosso schon getan, ohne dass es mir bewusst war.)

 

"Il mare" heißt im Italienischen "Meer". Der Ethnologe Thomas Hausschild, der in Süditalien zu Magie, Mahren ( Hexern) und Besessenheit geforscht hat, vermutet,  "Maar" könnte sprachgeschichtlich mit Märchen zusammenhängen und vom Bild einer ungeheuer drückenden Masse stammen: dem Meer. Ein "Mahr" ist auch ein elbisches, ehemals weiblich vorgestelltes Wesen, das sich nachts dem Schlafenden auf die Brust setzt, ‘Nachtalbe, quälendes Nachtgespenst, Traumgestalt, Alpdrücken. ( siehe auch das englische nightmare ).

 

"One unbounded ocean of consciousness became light, water and matter. And the three became many. In this way the whole universe was created as an unbounded ocean of consciousness ever unfolding within itself." (David Lynch in Catching The Big Fish)

 

Nachtmeerfahrt als Wiedergeburt

 

Eine Nachtmeerfahrt versinnbildlicht eine das Leben selbst bzw. die psychische Gesundheit bedrohenden Krise in Form einer Heldenreise, ähnlich dem ägyptischen Osirismythos, zum biblischen Moses oder der akkadischen Sargonlegende. Die Fahrt kann in einer Kiste, Truhe, Weidenkorb; Schiff, Floss oder Arche über das Meer stattfinden. (Ich denke an Geschichten wie „ All is lost“,  "Life of Pi - Schiffbruch mit Tiger", "Das Floss der Medusa" oder "Moby Dick". Nicht immer haben diese Fahrten ein gutes Ende, aber auch die Wiedergeburt wird mythologisch als Nachtmeerfahrt versinnbildlicht: das Meer verschlingt die Sonne ( den Helden), um ihn aus dem mütterlichen Schoß neu zu gebären. Dieser Mutteraspekt des Wassers deckt sich hier mit dem des Unbewussten als Matrix des Bewusstseins.

 

Zu den Formen der Wiedergeburt zählt nach Jung die Wanderung einer Seele durch verschiedene (menschliche oder tierische) Körper in aufeinanderfolgenden Leben, die Auferstehung, die Wiedergeburt (renovatio) als Erneuerung der Persönlichkeit.

 

Wiedergeburt kann die Erfahrung der Transzendenz des Lebens sein, wenn jemand durch heilige, rituelle Handlungen oder durch visionäre, mystische Erlebnisse ergriffen und gewandelt wird oder ein Erlebnis der Wandlung durch innere Träume, äußere Begegnungen, durch Identifikation mit einer Gruppe oder einem Kultheros und durch magisch-rituelle oder meditative Praktiken, z. B. die christliche Messe oder die Eleusinischen Mysterien. 

 

-> Symbolonline

 

Kurswechsel

geheimnisvolle Musik und Bilder ( zufällig gefunden)

 

Wie kam ich vom letzten Artikle Gegenfeuer hierher zur Nachtmeerfahrt? Es sind wahrhaft düstere Zeiten und ich weigere mich, sie schön zu reden. Wir sind getrennt, abgeschnitten (mit unvorstellbarer Gewalt abgeschnitten worden) von uns selbst und anderen Menschen. Wie können wir wieder eine Verbindung herstellen; zu uns und dann zu anderen, wennn wir wieder dürfen?

 

Was mir in kleinen und großen Lebenskrisen geholfen hat, war immer wieder: dieses zerfledderte tiefenpsychologische Märchenbuch " Die Wolfsfrau", manchmal das Malen (wenn die Worte fehlen oder der Kopf gar keine Ruhe mehr findet) und die Filme und Bilder von David Lynch, über den ich (by the way) meine Diplomarbeit geschrieben habe. Clarissa Pinkola Estés ist jungianische Psychoanalytikerin und cantadora (Geschichtenerzählerin) und Autorin von Die Wolfsfrau. Sie schreibt: Der Gesang der dunklen Jahre und der ausgehungerten Seele „hambre del ama“, sowie das tiefe frohe Lied „canto hondo“, das wir singen, wenn wir die Seele aus dem Totenreich zurückfordern, lässt sich nicht dauerhaft unterdrücken. "Hambre del alma" bedeutet 'Seelenhunger'.

 

Ich schlage mit der Nachtmeerfahrt ein Brücke zu folgenden Themen auf diesem Blog:

 

-> Mythen und Märchen Alle zusammen bilden eine der großen Schöpfungen menschlicher Phantasie, die mit tiefen Erkenntnissen über die Nöte und Lebenssituationen der Menschen angefüllt sind. Ihre Wahrheit ist parageschichtlich.

 

-> Aby Warburg und die Bannung der Angst in Bildern ( Medusa) Bilder zu malen oder Skulpturen zu schaffen sah Aby Warburg als Möglichkeit, Orientierung in einem bedrohlichen Chaos zu schaffen. Der Kulturwissenschaftler Aby M. Warburg (1866–1929) war ein Pionier der modernen Kunst- und Bildwissenschaft. Mit seinem anthropologischen Zugang zu Bildern baute er Brücken zwischen verschiedenen Kulturen, Epochen, Disziplinen und Medien.

 

-> Tarantismus in Apulien  Ernesto De Martinos zeigte, dass der Tarantismus, der seit dem 17. Jahrhundert als Krankheit der ungebildeten, abergläubigen Bevölkerung galt, eine durchaus wirksame Heilbehandlung seelischer Krisen durch Tanz, Musik und Farben war.

Die Tarantel stellt ein mystisch-rituelles Symbol dar, in dem ungelöste Konflikte, die im Unbewußten vergraben sind, aufscheinen. Tarantella ist der Tanz der kleinen Spinne, indem diese Konflikte eine Gestaltung erfahren. 

 

Für C.G. Jung ist aktive Imagination eine Methode der praktischen Tiefenphilosohie. Praktische Aufgaben, die sich daran orientieren, habe ich aus dem Buch " Beklage dich nicht - philosophiere!" von Lutz von Werner.Diese Art von Bewusstseinserweiterung, die sich mit dem Verdrängten beschäftigt,  schaftt Selbsterkenntnis, befreit von Täuschungen, Projektionen, falschen Schuldzuweisungen, Abspaltungen ( mag jeder selber herausfinden, wie hilfreich das in dieser Krise ist). Das Märchen von Blaubart verdeutlicht, wie es funktioniert.

 

-> Carl.G. Jung.de

 

Zum Schluss ein Tanz: Atman bzw. Atma ist ein Begriff aus der indischen Philosophie. Er bezeichnet das Selbst, die unzerstörbare, ewige Essenz des Geistes und wird häufig als „Seele“ übersetzt.

 

 

 

https://east-point-west.unityspace.org/danae-dimitriadi-dionysios-alamanos/