Emmanuel Levinas: Im Angesicht des Anderen - Ethik als Irritation

 

Ethik nennt sich der Teilbereich der Philosophie, in dessen Zentrum das methodische Nachdenken über moralisches Handeln steht.  Der Anfang des Ethischen ist für Levinas die Möglichkeit, dass der Andere stirbt und dass ich Schuld oder Mitschuld daran habe.

 

Der Anfang der Ethik nach Levinas

 

Levinas geht es um die ethische Verantwortung, die das Leid eines Anderen hervorruft. Leid, das verlangt, etwas zu tun. Leid, das aus der Andersartigkeit des Anderen kommt, befremdet und feindselig macht. Leid, das Fragen stellt, die in die Tiefe der Philosophie reichen. Levinas hat nach der Shoah gefragt, ob die europäische Philosophie mit ihrer Art zu denken und zu unterscheiden, mit ihren Begriffen von Sein und Nichtsein, wahr und falsch, gut und böse, eigenem und anderem mitschuldig daran war, dass mitten im 20. Jahrhundert mitten in Europa Millionen Menschen getötet wurden, weil sie anders waren.

 

Weil der Mensch im Gegensatz zum Tier seine Identität erst suchen muss, kann er sie auch verfehlen und in Unmenschlichkeit fallen. Der Wille zu Selbstverwirklichung und Selbstbestimmung, der in der Aufklärung als Auszeichnung des Menschen galt, wurde im 2. Weltkrieg Ursache von Gewalt und Vernichtung. Wenn der Mensch sein Wesen nur innerhalb eines größeren Zusammenhangs ( Volk, Rasse, Ideologie) findet, verliert er seine Identität an eine Totalität.

 

Das Gesicht des Anderen

 

Der Andere, der sich durch das Gesicht offenbart, ist das erste was der menschliche Geist erkennen kann, noch bevor er durch Kultur geprägt wird. Das bedeutet auch die Unabhängigkeit der Ethik von Kultur und Geschichte. Die erste Bedeutung für den Menschen entspringt der Moralität durch die quasi abstrakte Epiphanie eines nackten Gesichts. Die phänomenologische Basis von Levinas´Ethik ist ein kurzer Moment der Irritation, die Irritation beim Blick in das Gesicht eines anderen Menschen, das schweigend sagt: „ Du wirst nicht töten.“

 

Das Antlitz stört, ist lästig, nötigt zur Verantwortung, bittet in seiner Verletzlichkeit um Schonung und eigentlich will man es zum Schweigen bringen. Aber man kann es nicht töten, weil es mit seiner Nötigung zurückbleibt und das Gewissen belastet. Von Angesicht zu Angesicht ist nach Levinas die vielleicht letzte Chance des Ethischen im Bezug zum Anderen, vor allem dann, wenn Sicherheiten in Moralgemeinschaften zu stark werden. Das Ethische muss sich in jeder Situation neu einstellen.

 

„Du wirst nicht töten“ kann aber nur ein Ich vernehmen, das vom Willen sich selbst durchzusetzen frei ist und das sich seiner eigenen Sterblichkeit und Verletzlichkeit bewusst ist. Das Ich wird entfremdet durch die Verantwortung für den Anderen. Es kann sich der Verantwortung zwar verweigern, aber nicht ganz entziehen. Indem er den Anderen hört und antwortet, wird der Mensch zum Menschen.

 

„Der Vollzug des Ich als Ich und die Moralität machen einen und denselben Vorgang im Sein aus: Die Moralität entsteht nicht in der Gleichheit; sie entsteht vielmehr darin, (...) daß man den Armen, dem Fremden, der Witwe und dem Waisen dient. Nur so, nämlich durch die Moral, ereignen sich im Universum Ich und die Anderen.“ (Totalität und Unendlichkeit S.361)

 

Trennung

 

Levinas geht von der Trennung aus, d.h. von dem Gedanken, dass wir nicht voraussetzen können, mit Anderen irgendetwas gemeinsam zu haben. Jeder ist frei, alles anders zu erfahren und zu beurteilen als andere. Die europäische Philosophie hat es sich mit dem Ethischen zu leicht gemacht, denn das Ethische geschieht nach Levinas nur in der Trennung. Das Ethische schafft Verunsicherung und stört das eigene Leben, denn es ist nie feststehend und ruhig, sondern bewegend, mitnehmend, verunsichernd. Was das Ethische hervorruft, ist die unmittelbare Schutzlosigkeit des Anderen ohne vermittelndes Drittes oder allgemeine Moral und es hat keine Stütze in irgendeiner Theorie.

 

Das theoretisch Ethische, das in Gesetzen, Normen oder Regeln formuliert wird, führt dazu, anhand dieser Normen über gut und böse zu richten und in einem Wir aufzugehen, das über Zugehörigkeit oder Nichtzugehörigkeit einer Moralgemeinschaft entscheidet, die im guten Glauben andere ein- und ausschließt, ohne sich selbst fragen zu müssen, ob das gut oder böse ist. Moralgemeinschaften bergen deshalb die Gefahr, des Totalitarismus. Nur im Namen eines theoretisch Ethischen kann ein Mensch sich zum Richter über Andere aufspielen.

 

Heidegger entkommen

 

Der Philosophie des Seins nach Heidegger will Levinas entkommen. Weil nach Heidegger der Tod die einzige Gewissheit im Leben der Menschen ist,  geht es den Menschen vor allem darum, ihr Sein zu erhalten. Im Miteinander, als gemeinsame Sorge in einer gemeinsamen Welt hat Heidegger diesen Horizont der Selbstgenügsamkeit nicht überschritten. Es besteht nur in einem Miteinander-sein in der Verpflichtung auf ein Allgemeines, das sich auch als Recht, Moral, Staat denken lässt. Für Heidegger vertrug sich das auch mit der Bewegung der Nazis, von der man sich tragen lassen konnte.

Diese Verpflichtung auf ein Gemeinsames aber geht nach Levinas bis in die Wurzeln der europäischen Demokratie zurück und wurde zu ihrem höchsten Wert gemacht. Daraus entstand der Glaube an Institutionen, die den einzelnen Menschen ihre individuelle Verantwortung für die Anderen abnahm. So können einzelne im besten Wissen und Gewissen als Vertreter des Allgemeinen handeln im Glauben es sei gut, gerecht und neutral. Der Grund für die Verbrechen der Shoah bestand für Levinas in einer Vernunft, die von ihrer Neutralität überzeugt war.

 

Europas Kampf gegen das Fremde

 

In ihrer Selbstgenügsamkeit ist die europäische Tradition des Denkens gegen alles Fremde gerichtet, das die Ordnung in Frage stellt. Das Fremde wird daher stets heldenhaft bekämpft. Während die griechische, westliche, europäische Philosophie vom Denken des Seins und der Vernunft geprägt ist, sieht Levinas in der jüdischen Tradition das Denken des Anderen. Levinas geht zurück zur griechischen Philosophie vor Sokrates zu Anaximander. Der ging von einem Ununterschiedenen aus, das immer neue Gestalten annehmen konnte.  Das Bewusstsein muss nach Levinas als Kraft zum Bruch gedacht werden, als Kraft immer neu anzufangen in seiner eigenen Verantwortung und NICHT als ein vernünftiges sich Einrichten in der Welt mit neutralen und unpersönlichen Prinzipien. Das heißt in einem gewissen Sinne noch nicht geboren sein, eine Ordnung, bei der alles in der Schwebe ist. Das Bewusstsein ist radikal für sich alleine und fähig, alles kritisch zu beurteilen und damit zu brechen.

 

Gastlichkeit und Nähe

 

Erfahrungen sind stark wenn sie die Erfahrenden selbst verändern, wenn man von ihnen mitgenommen wird. Beispiel ist die Situation, in der man einen Fremden empfängt. Jeder, der das tut, setzt sich einer überraschenden Erfahrung aus, die ihn im Guten wie im Schlimmen mitnehmen kann. Als Gastgeber geben wir dem Gast Raum und räumen ihm für eine gewisse Zeit Rechte ein. Gastlichkeit ist eine Gabe ohne Gegengabe und mit dem Risiko der Verausgabung des Gastgebers verbunden. Gastlichkeit versetzt das Heim des Gastgeber in das „es gibt“ chaotischer Möglichkeiten. So wie in dieser Situation kann der Mensch im Leben immer von Erfahrungen des absolut Anderen überrascht werden. Beziehungen zu anderen Menschen, die nicht durch feste Voraussetzungen gesichert sind, nennt Levinas Nähe. Nähe ist Kontakt und Berührung ohne allgemeingültige Regeln. Aus dieser Nähe, in der der Andere immer Anderer bleibt, geht das Ethische hervor.

 

 

Das Glück des Genusses

 

Das ethische Bewusstsein ist nichts Angenehmes, sondern etwas Nötigendes, das das Leben schwer macht. Es stützt sich NICHT auf Normen und Werte, Solidarität, Mitleid oder guten Willen. Diese Nötigung kostet enorme Kraft und man kann ihr auf Dauer nie ganz gerecht werden. Damit das Ich seine Kräfte wieder aufbauen kann, muss es immer wieder zurück zur Freiheit und zum Genuss. Man lebt nicht nur um zu überleben, sondern für das Glück des Genusses. „Leben heißt das Leben genießen“. Das Glück des Genusses ist der Ausgleich für die herausfordernde Ethik von Levinas. Nicht durch die Vernunft sondern durch Genuss wird der Mensch autonom und diese körperliche und sinnliche Autonomie gibt Halt im Leben. Während die europäische Philosophie den Genuss als flüchtig und haltlos herabwürdigt, rehabilitiert Levinas ihn gegenüber der Vernunft. „Das Glück des Genusses besteht nicht in einer Abwesenheit von Bedürfnissen, deren Tyrannei und Zwangscharakter man anklagt, sondern in der Befriedigung aller Bedürfnisse.“ Glück wohnt in einer befriedigten Seele nicht in einer verstümmelten, die ihre Bedürfnisse ausgelöscht hat. Zu diesem Glück gehört auch der ästhetische Genuss, der Genuss des gütigen Gebens und der erotische Genuss.

 

 

Zärtlichkeit

 

„ Die Weise des Zärtlichen besteht in einer extremen Zerbrechlichkeit‚ in einer Verwundbarkeit. Das Zärtliche manifestiert sich an der Grenze zwi­schen dem Sein und dem Nichtsein‚ wie eine milde Wärme; in ihr löst sich das Sein in Ausstrahlung auf, wie das „flüchtige Inkarnat“ der Nymphen aus dem „Après midi d’un faune“, das „gaukelt in der Luft, die von dichtem Schlaf gesättigt ist, ...“‚ das seine Individualität auflöst und sich vom Gewicht des eigenen Seins befreit; schon ist es Erlöschen und Ohnmacht, seinem Wesen nach Flucht inmitten seiner Erscheinung. Und in dieser Flucht ist der Andere anders, ist er fremd der Welt, die für ihn zu grob und zu verletzend ist. "

 

(Totalität und Undendlichkeit)

 

 

Emmanuel Levinas ( 1905 - 1995)  war ein französisch-litauischer Philosoph. Er studierte ab 1923 Philosophie an der Universität Straßburg, von 1927 bis 1928 setzte er sein phänomenologisches Studium bei Edmund Husserl und Martin Heidegger fort. Seine Eltern und Brüder wurden im Krieg von den Nazis ermordert. Er setzte nach 1945 nie wieder eine Fuss auf deutschen Boden. Als Hauptwerk gilt: Totalität und Unendlichkeit. Versuch über die Exteriorität. 1961.

 

mehr zum Thema

 

Für Peter Bieri ist Moral gleichbedeutend mit dem Kampf gegen Grausamkeit. Moralische Überzeugungen bergen daher die Gefahr absolut zu sein. Zwar weiß ein kulturell gebildeter Mensch, dass moralische Überzeugungen kulturell und geschichtlich geprägt sind, aber dieses Wissen kann nicht zu gelassener Toleranz führen. Es gibt keine moralische Großmut, sagt Peter Bieri, denn wenn ich gegen Grausamkeit tolerant bin, hieße das, die Ernsthaftigkeit meiner Überzeugungen zu verlieren.

 

Einer der bekanntesten Philosophen, der sich mit Moral beschäftigte, war Immanuel Kant, der den kategorischen Imperativ als das grundlegende Prinzip ethischen Handelns in die Philosophie einführte. Eine Handlung kann demnach nur moralisch gut sein, wenn sie der Maxime folgt, deren Gültigkeit für alle jederzeit und ohne Ausnahme akzeptabel wäre. „Handle nur nach derjenigen Maxime, durch die du zugleich wollen kannst, dass sie ein allgemeines Gesetz werde.“ Levinas betont, dass die Vernunft bei Kant nicht eine einzige gemeinsame sei, sondern eine allgemeine Menschenvernunft, in der jeder seine eigene Stimme hat, die individuell und charakteristisch ist. Beim Handeln gegenüber anderen Menschen ist auch hier die irritierende Erfahrung wesentlich, dass ich Anderen unterstellen muss, dass auch sie Vernunft haben und mit ihrer Vernunft anders urteilen können. Als erste der drei Maximen zur Aufklärungen formulierte Kant deshalb, selber zu denken und sich nicht auf „fremde“ Vernunft zu verlassen.

 

Georg Lind: Ist Moral lehrbar? ( pdf)

Ergebnisse der modernen moralpsychologischen Forschung.

Aus dem Vorwort:

“Die einzig wahrhafte Kraft gegen das Prinzip von Auschwitz wäre Autonomie,

wenn ich den Kantischen Ausdruck verwenden darf, die Kraft zur Reflexion, zur Selbstbestimmung, zum Nicht-Mitmachen.”

Theodor W. Adorno

 

Das Antlitz bei Giorgio Agamben

"Das Antlitz ist das im höchsten Maße Menschliche, der Mensch hat ein Antlitz und nicht nur eine Maul oder ein Gesicht, denn er haust in der Offenheit, denn in seinem Antlitz zeigt er sich und kommuniziert er. Deshalb ist das Antlitz der Ort der Politik. Unser unpolitisches Zeitalter möchte sein Antlitz nicht sehen, hält es auf Distanz, maskiert und bedeckt es. Es sollen keine Antlitze mehr da sein, sondern nur Zahlen und Ziffern. Auch der Tyrann ist ohne Antlitz.

-> aus : Giorgio Agamben: Wenn das Haus brennt