Von Menschen und Bäumen

 

Jahrhunderte alte Olivenbäume sind das Wahrzeichen Apuliens und lebendige Zeugen einer langen Geschichte von Invasionen, die auch zur kulturellen Vielfalt Apuliens beigetragen haben .

 

Ich fühle mich ein bißchen wie ein Eindringling, als ich einfach auf das Grundstück dieses Bauern laufe, um seine Bäume zu fotografieren, aber ich sehe niemanden, den ich um Erlaubnis fragen könnte. Nach 10 Minuten erscheint dann ein älterer Herr und er ist erstmal wenig begeistert über meinen unangekündigten Besuch. Ich entschuldige mich und frage, ob ich seine wunderschönen Bäume fotografieren darf. Etwas zerknirscht willigt er ein, aber dann wird er freundlicher. Wo ich denn herkomme, will er wissen.

"Aus Deutschland." sage ich.

"Aha, da hast du wenigstens ein schönes Andenken an Apulien mit den Fotos." Und nicht ohne Stolz erzählt er: "Diese Bäume gehören zu den ältesten und größten in Apulien. Sie sind einige hundert Jahre alt und haben wahrscheinlich schon die Belagerung durch die Griechen und andere Eroberungen miterlebt. Wer weiß.."

"Und jetzt erleben sie die Belagerung durch deutsche Touristen." sage ich und er lächelt vielsagend.

 


 

Ein Viertel der Fläche Apuliens ist mit Olivenbäumen bedeckt, ihre Zahl wird auf 60 Millionen geschätzt. Das sind 40-50 Prozent aller Olivenbäume Italiens. Im 6. Jahrhundert vor Christus wurden sie von den Phöniziern über Griechenland nach Süditalien gebracht. Ein Kranz aus Oliven galt als hohe Auszeichnung und Zeichen des Friedens. Heute sind die ältesten Olivenbäume fast 1000 Jahre alt und vor allem in der Gegend von Fasano, Conversano und Ostuni zu finden.

 


Nicht nur Generationen von Bauern haben ihre Spuren an diesen Bäumen hinterlassen, sondern auch Wind und Wetter. Manche Bäume sind so schief, dass sie von Steinen gestützt werden, andere sehen aus als würden sie sich gegenseitig stützen oder umarmen. Für mich wirken sie fast wie barocke Statuen und erzählen vor allem von einem: Beharrlichkeit. Die brauchten die Apulier im Laufe ihrer Geschichte auch, denn das Land wurde von zahlreichen Eroberern heimgesucht.

 


Kurzer Überblick über eine lange Geschichte von Eroberungen

 

Im 8. Jhd. v. Chr. bekam die Urbevölkerung Apuliens, die Iapyger, erstmals „Besuch“ aus dem Ausland: griechische Siedler verließen ihre Heimat aufgrund von Überbevölkerung und Mangel an Ackerland in Richtung Unteritalien. Tarent (Taranto), Callipolis (Gallipoli) und Neapolis (Polignano) wurden von Griechen gegründet und für Apulien wurde es eine Zeit kultureller Blüte.

 

Im 6. Jhd. v. Chr. begannen sich die Römer für Apulien zu interessieren. Sie nannten es zwar „finis terrae“ (Ende der Welt), aber Apulien gelangte nicht nur aufgrund seiner Landwirtschaft

(Öl, Wein, Getreide), sondern vor allem aufgrund seiner Lage zu wirtschaftlicher Blüte. Es wurde Drehscheibe für den Handel mit dem Orient. Brindisi wurde wichtigster Hafen, die Via Appia und die Via Traiana waren Direktverbindungen nach Rom. In den folgenden Jahrhunderten stritten Araber, Langobarden, Goten und Byzantiner immer wieder um die Vormacht in Apulien.

 

Im 6. Jhd. n. Chr. wurde Apulien dann byzantinisch und Bari zur Hauptstadt bis im 11. Jhd. die Normannen kamen. Zu den bekanntesten Förderern Apuliens gehörte der Stauferkönig Friedrich II (1212-1250), der hunderte von Kastellen (die bekanntesten in Trani, Barletta, Molfetta, Bari, Brindisi) bauen ließ, darunter auch das berühmte Castel del Monte (UNESCO - Weltkulturerbe). Vom 13. - 19. Jhd. eroberten Franzosen, Spanier, Österreicher, dann wieder Franzosen das Land bis es 1860 an das Königreich Italien angeschlossen wurde. Von 1943-1944 war Brindisi vorübergehend italienischer Regierungssitz, weil die Deutschen Rom besetzten.

 

-> mehr zum Castel del Monte

 

 

Multikulti in Apulien

 

Die Städte und Dörfer Apuliens sind ein Spiegelbild des multikulturellen Gemischs, das im Laufe der Jahrhunderte Apulien bevölkert hat. Zeiten kultureller und wirtschaftlicher Blüte wechselten in Apulien immer wieder mit Epochen des Niedergangs ab. Unter der Regentschaft von Friedrich II wurde Apulien im 13. Jahrhundert zum Machtzentrum Europas. Als der deutsche Kunsthistoriker Arthur Haselhoff 1906 Apulien bereist, kommt er aus dem Schwärmen nicht heraus.

 

" Hier wie vielleicht an keiner anderen Stelle steht ein Stück Mittelalter von so einheitlichem und gewaltigem Charakter, als hätte dieses Volk alle seine künstlerische Schöpferkraft in einer einzigen Periode von wenig mehr als 100 Jahren verausgabt."

 

Kathedrale in Trani
Kathedrale in Trani

 

Bereits im 12. Jahrhundert entstanden die romanischen Kathedralen von Bari (Basilica San Nicola, 1087-1197) und Trani (San Nicola Pellegrino, 1097-1186), die Uwe Rada als erhabensten Dom der ganzen Adria bezeichnet und deren eher schlichte Schönheit auch mich beeindruckt hat. (Kirchen haben mich bisher immer nur eingeschüchtert.)

Etwas später blühte vor allem in Lecce, dem sogenannten Florenz Apuliens, die barocke Baukunst ( z.B. Basilica von Santa Croce 1296-1442).

Rada beschreibt das heutige Apulien als orientalisches Italien und fühlt sich angesichts der ->weißen Städte nach Griechenland oder Nordafrika versetzt. In fast jedem Ort Apuliens gibt es  ein Hotel Orient, eine Via Sarazeni und eine Piazza Levante (Morgenland) und der Bareser Dialekt ist eine Mischung aus italienischen, griechischen und arabischen Wörtern.

 

 

Nicki Vendola, von 2005 bis 2015 Präsident von Apulien, beschrieb seinen multikulturellen Traum von Apulien so:

 

"Es ist ein Traum von Vermischung: eine Komposition arabischer Noten und balkanischer Klänge; dazu Griechisches  - wie die weißen Steine von Otranto- und Provencalisches - wie in den Klängen des Appenins. Ich träume den Traum eines friedlichen Miteinanders, von gegenseitiger Bereicherung bei aller Andersartigkeit, von einem Zusammenleben, bei dem alle Beteiligten gewinnen. Genau hier, an diesem Ort der Erde, der so reich ist an Erzählungen, ein Ort, der von Kreuzungen und Vermischung der Kulturen nur so strotzt."

 

Zurück zur Kultur: Vielfalt statt Einfalt

 

Die Menschen aus Apulien betonen gerne die Vielfalt des Landes und seiner Bewohner. Deshalb sprechen sie von Apulien lieber in der Mehrzahl als "Le Puglie" anstatt von "La Puglia". Das eher bäuerlich geprägte Hinterland unterscheidet sich sehr von Handelsstädten wie Bari, Trani oder Molfetta.

Wo unterschiedliche Kulturen und Menschen friedlich miteinander leben wollen, müssen Kompromisse gemacht werden. Vieles was uns in Deutschland unvereinbar scheint, geht in Apulien zusammen:

 

In einem überaus katholischen Land regierte von 2005 bis 2015 ein Ministerpräsident, der sich selbst als katholisch, schwul und kommunistisch bezeichnet. Die katholische Kirche musste lernen, heidnische Bräuche wie den Tarantismo zu akzeptieren und die Tarantella-Band TerraRoss, bekannt für eher kritische Texte, teilt sich bei ihren Auftritten bei Patronatsfesten schonmal die Bühne mit dem Pfarrer.

 

Zunehmend besinnt man sich in Apulien auf die eigene Geschichte und Kulturen.

Gegenüber Versuchen, die Vielfalt der Kulturen gleichzuschalten (Industrialisierung, Globalisierung) zeigen sich "Le Pugliese" widerständig und störrisch wie Olivenbäume. Gerne wird in Apulien die Legende erzählt, dass die Mc Donalds Filiale in Altamura nach wenigen Wochen aus Mangel an Kundschaft schließen musste (keine Chance gegen das berühmte Brot aus Altamura). Wenn die Geschichte nicht wahr ist, ist sie gut erfunden. Und den Bareser Dialekt, in besseren Kreisen lange verpönt, höre ich in Bari heute oft.

 

Man darf es Apuliern nicht übel nehmen, wenn einige Fremden gegenüber erstmal misstrauisch sind. Touristen kurbeln vielleicht die Wirtschaft an, ein Bauer wird eher wenig davon haben. Aber Gastfreundschaft und Hilfsbereitschaft bin ich in Apulien überall begegnet.

 


Xylella fastidiosa

Olivenbäume im Salento
Olivenbäume im Salento

Charles Eisenstein: Xylella. Bösewicht oder Symptom

 

Seit 2013 kam es in Apulien insbesondere im Salento zu einem großen Olivenbaumsterben, für das ein Bakterium namens Xylella fastidiosa verantwortlich ist. Inzwischen ist Xylella fastidiosa einer der gefürchtetsten Pflanzenkrankheitserreger der Welt. So warnte der designierte EU-Kommissar für Gesundheit und Lebensmittelsicherheit, dass Xylella "die größte phytosanitäre Krise ist, mit der die EU seit vielen Jahren konfrontiert ist". Vorerst bleibt es in Gebieten, in denen die Behörden versuchen, die Ausbreitung der Krankheit einzudämmen, bei der Strategie, den kranken Baum und alle Mandelbäume im Umkreis von sieben Hektar zu fällen. "Die einzige Möglichkeit, die Krankheit zu bekämpfen, ist die vollständige Ausrottung der infizierten Bäume und ihrer Umgebung, da es bisher keine Behandlung für die Bakterien gibt", erklärte EU-Kommissar Andriukaitis in einer E-Mail an Olive Oil Times.

 

Da die Ausrottung des Bakteriums nicht funktionierte, sondern nun auch Mandelbäume befällt, sind einige Bauern zu einer anderen Herangehensweise übergegangen. Diese sieht den "Erreger" nicht mehr als eindeutigen Feind an, sondern fragt: "Was könnten uns die Ausbrüche über unsere Beziehung zu den Bäumen, zum Boden und zum Leben sagen?"

 Kürzlich wandte sich eine Gruppe von Landwirten, Biologen und Aktivisten an den nigerianischen Schriftsteller Bayo Akomolafe, um Ratschläge zum Angriff auf die dortigen Mandelbäume zu erhalten.

 

"Hier sind meine zögerlichen Einladungen oder unzusammenhängenden Ideen, die Sie in Betracht ziehen sollten: Starten Sie eine Untersuchung darüber, wie man mit Xylella leben kann. Stellen Sie den Behörden diesen "Feind eines Krankheitserregers" in einem neuen Licht vor - nicht als einen Fremden, den es zu besiegen gilt, sondern als ein Hindernis.(1) Schaffen Sie ein Beispiel für Ihre laufende Partnerschaft. Treffen Sie sich mit Xylella. Fragen Sie sie, was sie von Ihnen verlangt. Rufen Sie zu einem gemeinsamen Ritual auf, in dem Sie sich Xylella als etwas Heiliges nähern, als eine Kali-ähnliche Kraft, die nicht mit Feuer und noch mehr Feuer besänftigt werden kann. Seien Sie sich bewusst, dass Sie damit vielleicht andere Räume der Macht öffnen. Bitten Sie Xylella um ein Gespräch, um eine Begegnung mit Ihnen allen. Bleibt bei den Schwierigkeiten, die sich daraus ergeben. Errichtet einen Altar für den Kummer über den Verlust dieser Bäume. Für mich fühlt sich das wie ein posthumanistisches(2) Projekt an - eine Expedition zu den Grenzen eines mehr als menschlichen "Erregers". Es mag sich defätistisch anfühlen - aber durch die Brille der Verstrickung betrachtet, halte ich es für eine potenziell klügere Art, mit der Situation umzugehen. Ich bin nur ein Kopf. Dazu braucht man eine Gemeinschaft - deshalb schließe ich meine Freunde und Genossen in meine Antwort auf Ihre E-Mail mit ein. Vielleicht gibt es noch andere Ideen, die es wert sind, geteilt zu werden."

 

 -> Charles Eisenstein: Xyllela: Bösewicht oder Symptom. Von Mandeln und Oliven

 

-> hier die wunderschöne Webseite von Bayo Akomolafe

 

János Chialá: Dopo la Xylella (Nach Xylella):

 

János Chialá ist freier Fotograf und in einem kleinen Ort in Apulien aufgewachsen. Auf seinem Blog dokumentiert er den Kampf gegen Xylella. Er schreibt:

"Da wir buchstäblich inmitten von Olivenbäumen leben, von denen einige zur Zeit Jesu von Nazareth bereits Öl produzierten, haben wir uns nie viele Fragen über ihre Zukunft gestellt. Die Olivenbäume waren schon immer da, dachten wir, und sie werden immer da sein, sich selbst gleich und fast außerhalb der Geschichte der Menschen, deren kurzes Leben wie eine flüchtige Erscheinung erscheinen muss, wie die rasenden Schatten eines beschleunigten Films, in dem die Olivenbäume unbeweglich im Hintergrund bleiben..."

 

-> weiterlesen auf dem Blog postphotography von János Chialá:

 

 

No Tap

 

Im Salento gibt es seit einigen Jahren die Protestbewegung NO TAP. In Melendugno soll die Trans-Adria-Pipeline (TAP) enden, die Erdgas vom Kaspischen Meer nach Europa liefert. Viele Menschen in Apulien wehren sich bis heute gegen den Bau der Gaspipeline, für die hunderte Jahre alte Olivenbäume verpflanzt wurden.

NO TAP
NO TAP

Manu Manu Riforesta!

 

Um die Wüstenbildung, durch das Phänomen der schnellen Austrocknung von Pflanzen, durch das Bakterium Xylella und den massiven Einsatz von Pestiziden zu bekämpfen, wurde Manu Manu Riforesta! gegründet. Es ist ein Verein, der ein Projekt zur Anpflanzung eines Waldes im Gebiet von Paduli durchführt und der für die Verteidigung der Artenvielfalt des Gebietes kämpft.
-> Artikel Manu Manu Riforesta / italia-che-cambia ( italienisch) 

 

Tipps für zuhause - Gebliebene:

 

Filme:

 

Semina il vento ( Wind säen). Eine junge Agrarwissenschaftsstudentin kehrt nach langer Abwesenheit in ihr Elternhaus in Apulien zurück, wo die von einem Insekt befallenen  Olivenbäume keine Früchte mehr tragen. Vor der Kulisse des katholischen Landes verwebt der Film Modernität und Tradition, Rebellion und Konservatismus, Wissenschaft und heidnischen Glauben. Von Danilo Caputo, der selbst aus einem Dorf in Apulien stammt. Der Film läuft auf der Berlinale 2020 und kommt danach hoffentlich in die deutschen Kino.

 

Der Olivenbaum ( El Olivo, Spanien, 2016 ). Gegen den Willen des Großvaters verkauft die Familie einen 2000 Jahre alte Olivenbaum an einen Düsseldorfer Energiekonzern, der ihn als Wahrzeichen für Nachhaltigkeit in der Lobby der Firmenzentrale aufgestellt. Enkelin Alma macht sich gegen alle Widerstände auf, um den Baum zurückzuholen. Ein wunderbar tiefgründiger und absurd komischer Film aus Spanien, in dem der Olivenbaum zum Sinnbild einer bedrohten Kultur wird.

-> el olivo Trailer

 

-> weitere Filmtipps hier

 

 

 


Olivenernte in Ruvo di Puglia c/o Olvipa Kevelaer
Olivenernte in Ruvo di Puglia c/o Olvipa Kevelaer
Olivenernte in Ruvo di Puglia c/o Olvipa Kevelaer
Olivenernte in Ruvo di Puglia c/o Olvipa Kevelaer

Ein kleiner, sehr feiner Laden in Kevelaer am Niederrhein, den ich über Animap.info gefunden habe.  -> Olvipa ( Olio . Vino . Pasta) führt süditalienische Spezialitäten und Olivenöl aus eigenem Anbau in Ruvo di Puglia. Auch das Aceto balsamico ist sehr empfehlenswert. Ihr könnt auch bestellen, falls euch der Weg nach Kevelaer zu weit ist.

c/o Olvipa Kevelaer
c/o Olvipa Kevelaer