Feste und Bräuche in Apulien

Wenn an einem Sonntag Abend noch bis nach Mitternacht auf der Piazza musiziert und getanzt wird, dann ziehe ich die Apulier gerne auf und frage etwas scheinheilig: "Müsst ihr denn morgen früh nicht arbeiten?"

Das lateinische Wort „feriae“, von dem das deutsche "Ferien" abstammt, bedeutete „die für die religiös kultische Handlung bestimmte Zeit.“ Die Zeit des Festes ist also eine Zeit, die der profanen Zeit der Arbeit entgegengesetzt ist. Der mittelalterliche Kalender besaß eine geradezu unglaubliche Zahl kirchlicher Feiertage, an denen aus religiösen Gründen nicht oder nur wenig gearbeitet wurde. Offiziell hat Italien heute weniger Feiertage als Deutschland. Lokale Patronatsfeste, Prozessionen, Sagre und andere Feste sind in Apulien tief verwurzelte Traditionen, die Gemeinschaft stiften und an denen die Arbeit ruht.

 

Patronatsfeste und Sagre

 

Eine Sagra ist ein jährlich stattfindendes lokales Volksfest, das seinen Ursprung traditionell in einem religiösen Fest, einem Kirchweihfest oder dem Gedenken an einen Heiligen, in der Regel dem Schutzpatron des Ortes, hat. Es sind aber auch Erntefeste (z.B. Oliven, Wein, Kastanien) oder Feste, die einem speziellen landwirtschaftlichen oder gastronomischen Gericht gewidmet sind. Während einer Sagra finden in der Regel eine Messe, ein Markt und verschiedene Veranstaltungen wie Konzerte statt.

 

 

Patronatsfeste sind ebenfalls Feste, die jährlich zu Ehren des oder der Schutzheiligen eines Ortes gefeiert werden. Dabei werden die Statuen der Schutzheiligen aus den Kirchen geholt und durch den Ort getragen. Die Festivitäten dauern in der Regel mehrere Tage.

 

 

Wer schonmal bei einer Prozession dabei gewesen ist, wird vielleicht bemerkt haben, dass es dabei nicht immer nur bedächtig zugeht, sondern dass manche Patronatsfeste sehr spektakulär inszeniert werden. Dazu gehören aufwendige Lichtinstallationen und Feuerwerke. Beispiele für besonders spektakuläre Feste in Apulien sind:

 

 

das Fest zu Ehren von San Nicola in Bari,

 

das Fest zu Ehren von San Trifone in Adelfia,

 

das Fest der Santa Domenica in Scorranno, das bis zu 350.000 Besucher anlockt.

 

 

 

"Apulien feiert - Feuer" heißt dieses Video von Nicola Amato über die Feste in San Severo, San Marco in Lamis, Castellana Grotte und Novoli.

 

 

Bedächtiger geht es bei den Festen zu, die der Madonna gewidmet sind. "Die Katholiken malen Madonnen, um sich zu tösten", schreibt Navid Kermani. Sie malen Bilder eines makellosen Gesichts, rein von Erfahrung. Während die katholische Kirche das Leiden und das Abstoßende oft regelrecht zelebriere, hielten sie sich Maria rein, weil es ohne Trost nicht gehe. Madonnen sind Sinnbild einer Kultur, in der der Katholizismus tief verwurzelt ist. Sie verkörpern Unschuld, Reinheit und Trost und sind in Apulien an fast jeder Häuserecke zu finden.

 

Feste zu Ehren der Madonna in Apulien

 

-Madonna della Coltura ( Ende Mai, Parabita)

-Madonna SS. Anunziata ( 27. Mai, Carlantino)

-Madonna del Carmine ( 16. Juli, Trani)

-Madonna di Sovereto (August, Terlizzi)

-Madonna della Madia (14. August, Monopoli)

-Festa di Santa Maria di Leuca (15. August, Maria di Leuca)

 

Feiertage in Italien zu Ehren von Maria sind der 15. August (Mariä Himmelfahrt/ferragosto) und der 8. Dezember (Unbefleckte Empfängnis).

 

Nicht religiöse Feste

 

In Locorotondo findet jahrlich das -> Lokusfestival statt, das inzwischen auch international bekannt ist. Das Locusfestival zelebriert Musik als universelle Sprache mit dem Ziel, geographische, sprachliche und soziale Grenzen zu überwinden. Es findet 2018 an allen Wochenenden im Juli und der ersten Augusthälfte statt.

Die Notte della Taranta ist ein Musikfestival, das jährlich durch verschiedene Orte des Salento tourt und über 100 000 Besucher anzieht. Es hat jedes Jahr einen anderen Musikdirektor und findet seinen Höhepunkt beim Abschlusskonzert in Melpignano. Dieses Jahr findet es vom 5.-23. August 2018 statt.

->Offizielle Webseite der Notte della Taranta

 

 


Alle Blogartikel zumThema Feste und Bräuchein Apulien:

Besuch aus Apulien: Kleine Weihnachtsanekdote

 

Kurz vor Weihnachten kriege ich Besuch aus Apulien. Wir wandern durch ein graues, kaltes Berlin, in dem nur die Weihnachtsmärkte durch ihr warmes Licht eine gewisse Anziehungskraft ausstrahlen. Wie man in Apulien Weihnachten feiert, weiß ich nicht, aber die Krippe ist im Süden Italiens der Mittelpunkt des Weihnachtsgeschehens.

 


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Tarantismus: von wilden Frauen und mythischen Monstern

 

In vielen Kulturen versinnbildlicht die „wilde Frau“ einen wertvollen, natürlichen Aspekt von Weiblichkeit. In Mythen und Märchen wurden ihr die unterschiedlichsten Namen gegeben. Im spanischen heißt sie „rio abajo rio“ (Fluß unter dem Fluß), in Mexico „la loba“ (die Wolfsfrau), in Tibet ist es Dakini (eine tanzende Urkraft), die Navajos nannten sie Spinnenfrau. Und in Apulien ist es  die Tarantella, der Tanz der kleinen Spinne, der sie hervorlockt.

 


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Festa di San Nicola in Bari

Vom 7.-9. Mai feiert Bari seinen Schutzpatron San Nicola. Er ist auch Patron der Schüler und Studenten, Pilger und Reisenden, der Liebenden, der Alten, der Ministranten, der Kinder, der Diebe, Gefängniswärter und Prostituierten. Bei uns ist er bekannt als der Nikolaus.

 


Nikolaus von Myra (russische Ikone von Aleksa Petrov, 1294)
Nikolaus von Myra (russische Ikone von Aleksa Petrov, 1294)
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Settimana Santa - Ostern in Apulien

Bald ist Ostern. Wir merken es an den niedlichen Schokoladenhäschen. In Apulien ist die Karwoche Anlass für zahlreiche Prozessionen, die noch immer mit düsteren Ritualen des Mittelalters assoziiert werden...

 


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Tarantismus, Tarantella und Pizzica in Apulien.

Bei der Sagra del Toro in Bitritto tritt die Tarantella-Gruppe TerraRoss auf. Das ist Musik, die sofort ins Blut geht und ihre Wurzeln im Tarantismus hat, mit dem Besessenheit durch Spinnenbisse geheilt werden sollte.

 

 


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