Apulien im September

 

September - für mich die beste Reisezeit. Nach der Hauptsaison ist die größte Hitze vorbei und das Meer angenehm warm. Kleiner Rückblick auf meine Reise letztes Jahr:

Streetart in Monopoli, Streetfood in Polignano, Patronatsfeste und Höhlenkirchen bei Fasano.

 


Der Geschmack von Meer

 

Der erste Tag gehört immer dem Meer. Schuhe und Klamotten aus, abtauchen, sonnen, wieder abtauchen, wieder sonnen bis die Sonne irgendwann untergeht.

 

Pescheria Mare Blu in Adelfia
Pescheria Mare Blu in Adelfia

 

Und weil ich jetzt erst richtig auf den (Meeres)-Geschmack gekommen bin, gönn ich mir, was ich mir in Apulien immer schon mal gönnen wollte: frische Seeigel. Das ist eine typisch apulische Spezialität und ich habe schon oft damit geliebäugelt, welche zu kaufen, aber ich wußte nicht, wie man sie zubereitet. Gar nicht! ... wie ich in der pescheria (Fischladen) erfahre. Man kann sie natürlich auf viele verschiedene Arten zubereiten, aber einfach auch roh essen. Und weil ich im Kochen eine Niete bin, entscheide ich mich für roh. Nicht nur die Seeigel,  auch den Tintenfisch kann man roh essen. Vom Verkäufer im Fischladen gibt es als Zugabe noch eine Auster. Was soll ich sagen? Buonissimo!

 

Monopoli

 

Am nächsten Tag geht es wieder an den Strand bis die Sonne untergeht und dann in Richtung Monopoli, einer meiner Lieblingsorte. Hier findet gerade ein Festival für Fotografie statt.

 

Hafen, Monopoli
Hafen, Monopoli

PhEST - Festival für internationale Fotografie und Kunst in Monopoli

 

"We are a great peninsula jutting into the Mediterranean sea and at times we forget about it."

( Wir sind eine großartige Halbinsel, die aus dem Mittelmeer herausragt, und manchmal vergessen wir das.) Franco Cassano, Das Mediterrane Denken, 1996

 

Dieser Satz von Franco Cassano ist das Motto des Festivals für internationale Fotografie und Kunst PhEST 2018.  PhEST ist entstanden aus dem Bedürfnis, den 1000 Identitäten, die das Meer formen, eine Stimme zu geben und ein neues Bild zu finden, heißt im Programm.

 

 

Zu diesem Festival gehört auch das Projekt ALBUM - Archivio di Famiglia,  das sich der Sammlung und Bewahrung fotografischer und audivisueller Familienarchive von professionellen und nicht professionellen Fotografen widmet. Zu sehen sind Dokumente des Alltagsleben, Feste, öffentliche Ereignisse, Städte und Landschaften. Das französische Künstlerduo Leo & Pipo möchte mit seinen Fotos an den Wänden von Monopoli eine imaginäre Familie lebendig werden lassen und ich finde, in den ruhigeren Gassen ist das gut gelungen. Außer den Collagen von Leo & Pipo finden an verschiedenen Orten in Monopoli wie z.B. dem Palazzo Palmieri Fotoausstellungen statt. Die Ausstellung "Guardare il mare" ( "Aufs Meer sehen") im Castello Carlo V zeigt Fotografien des arte povera Künstlers Pino Pascali, organisiert von der ->Pino Pascali Foundation in Polignano a Mare.

 

2019  findet PhEST, das internationale Festival für Fotografie und Kunst,vom 6. September - 3. November statt. Das Motto stammt wieder von Franco Cassano.

 

Hier geht es zur ->Webseite von PhEST.

 

 

Polignano a Mare

 

Polignano a Mare solltet ihr unbedingt mal gesehen haben. Alle, die da waren, schwärmen davon. Was ihr euch hier nicht entgehen lassen solltet, ist der Besuch einer der besten Eisdielen Apuliens "Il super mago di gelo". Wer kein Eis mag, dem empfehle ich einen caffè speciale (nach Geheimrezept). Die Eisdiele liegt genau gegenüber des Altsstadttors. Ihr könnt euch also vor oder nach dem Altsstadtbummel hier stärken.

 

Polignano, Il super mago di gelo
Polignano, Il super mago di gelo
Polignano a mare
Polignano a mare

Leider habe ich die Pescaria "Pescatori in Cucina" in der Nähe der Piazza vor der Altstadt mit vollem Bauch entdeckt. Ich hatte gerade Focaccia gegessen. Auf der Speisekarte stehen verschiedenste Gerichte mit ( rohem) Fisch, wie z.B. ein Burger mit tartare di tonno (Thunfischtartar ) - alles zu erschwinglichen Preisen. Versteht sich von selbst , dass das alles fangfrisch ist. Streetfood ist in Apulien sehr angesagt und nebenbei bemerkt: die Küche in Apulien gilt als die beste in Italien.

Vor meiner Reise hatte ich gerade einen Artikel über das ->Museo Pino Pascali in Polignano geschrieben, das eines der besten Museen für zeitgenössische Kunst in ganz Italien sein soll. Das wollte ich eigentlich gern besuchen, aber der Strand und die "Kultur umsonst und draussen" waren mir dann doch lieber.

Patronatsfeste in Mola di Bari und Casa Massima

Mola di Bari, Festa della Madonna Addolorata
Mola di Bari, Festa della Madonna Addolorata

 

Wann immer ihr eine Beleuchtung wie diese seht, heißt das: hier wird gefeiert und zwar in der Regel mehrere Tage lang mit abschließendem Feuerwek, musikalischem Begleitprogramm und kulinarischen Verköstigungen. Das Fest der Madonna Addolorata in Mola di Bari und das Fest in Casa Massima haben wir zufällig im Vorbeifahren entdeckt.

In Mola kommen wir mit einer Frau ins Gespräch, die vor 30 Jahren nach Brooklyn, New York, ausgewandert ist und extra wegen des Festes nach Mola angereist ist. Außerdem, erzählt sie, wird das Fest in kleinerem Maßstab auch von den Italienern in New York gefeiert. Ihr braucht keine Berührungsängste haben: viele Feste sind zwar religiösen Ursprungs, aber hier trat z.B. auch die ->Tarantella Band TerraRoss auf, von der ich zum ersten mal in einer deutschen Apuliendoku erfahren habe und die für kritische, weltliche Texte bekannt ist.

 

Casa Massima
Casa Massima

Lama d`Antico bei Fasano

 

Ich habe mir nach sechs Strandtagen zum Abschluss noch einen Besuch in den Höhlenkirchen gegönnt, die ich schon solange gesucht habe.

 

Lama d `Antico
Lama d `Antico
Lama d `Antico
Lama d `Antico

 

Fünf Euro kostet der Besuch der Lama ( ausgetrocknetes Flussbett), in der sich eine ganze Höhlensiedlung mit zwei Kirchen versteckt. Das lohnt sich, weil die Kirche mit ihren Fresken wunderschön und auch die Lama selbst mit ihren uralten Olivenbäumen, Johanisbrotbäumen und wilden Kräutern wie ein verwunschener Garten ist. Ein ruhiger Ort, für alle, denen der Rummel in der Hauptsaison zuviel werden sollte. Der Angestellte im Besucherzentrum erzählt mir, dass hier kaum Touristen vorbeikommen.

 

->mehr über die Höhlenkirchen in Apulien

 

Franco Cassano: Land und Meer

 

Franco Cassano´s Philisophie ist eine Art Mittelmeerutopie ähnlich der von Albert Camus.  Ich habe zum ersten mal von Cassano gelesen, als ich Italien nicht mehr verstanden habe, insbesondere den Unterscheid zwischen Nord und Süd. In den 1990er Jahren hat Cassano ein Buch mit dem Titel "Der südliche Gedanke" geschrieben, das leider nie ins deutsche übersetzt wurde. Danach ist es scheinbar still um ihn geworden. Umso mehr freut es mich, dass PhEST seiner Idee vom Meer (und Land) verbunden bleibt, denn für Cassano symbolisiert das "Land"  Zugehörigkeit, soziale Bindung und Identität, das „Meer“ Abfahrt und individuelle Freiheit. Wird das Prinzip "Land" verabsolutiert, endet es in totalitären Formen von Zugehörigkeit, Gemeinschaft, Sprache, Raum (Nationalismus). Wird das Prinzip "Meer" über alles andere gesetzt, führt es zu übertriebenem Individualismus und Formen von Freiheit, die keine Beschränkungen mehr kennt.

 

Falls ihr mehr darüber wissen wollt, ich habe Teile der englischen Ausgabe des Buches in diesen Artikeln zusammengefasst:

 

->Franco Cassano und der südliche Gedanke

->Was ist mediterrane Vernunft